Wein und Wahrheit.

Wein und Wahrheit.

Meine Eltern hatten in den 2000ern regelmäßig eine Veranstaltung auf dem Weingut, die unter die Kategorie Recruiting einer namhaften Unternehmensberatung fiel: „Wein und Wahrheit“. Mein Bruder arbeitete damals für die Beratung und stellte den Kontakt her – so kam es, dass sich einmal jährlich anzugtragende, mehr oder weniger gestresste Manager oder sogar so genannte „Partner“, sowie leicht nervös wirkende Bewerber dieses Berufszweiges auf unserem Hof einfanden.

Es muss dieses Gefühl zwischen Abgeschiedenheit und Zeitreise sein, das die Jungs – Verzeihung – Herren dazu veranlasst hat, in ehrfürchtiger Bewunderung des alten Fachwerkhauses und Winzerhofes ins Schwärmen zu geraten. Ein Weingut, ein eigenes Weingut – das ist doch der Traum eines jeden gestressten Managers. Endlich etwas tun, wobei man noch einen echten, greifbaren Output hat. In der Natur arbeiten, mit den Händen, die sonst nur über Touchscreens wischen bzw. Blackberrys mit kleinen Tasten bedienen. Traktor fahren, keinen schicken Firmenwagen, sich im Keller die Hände schmutzig machen… wobei, da lässt die Romantik dann doch schon etwas nach. Egal, das Abschmecken des eigenen Weines tröstet doch auch über aufgerissene, abgearbeitete Winzerhände hinweg – oder etwa nicht? Und das Gläschen Wein am Abend lässt ganz schnell die Rückenschmerzen von der Weinbergsarbeit verschwinden. Ist das nicht so? Hach ja. Die schöne Welt des Weins und der Winzer. Nun gut, zurück zum Thema. Nach dem Lobgesang auf den Beruf des Weinbauers gingen die Manager zum geschäftlichen Teil des Abends über – schließlich sollte neben „Wein“ auch das Thema „Wahrheit“ im Mittelpunkt stehen. Da wurden dann Präsentationen gehalten und auf schönen Powerpointfolien gezeigt, wie der Arbeitsalltag eines Unternehmensberaters aussieht – und welche Ansprüche man an geeignete Kandidaten hat. Die Weinprobierstube meiner Eltern war dafür vielleicht ein etwas ungewöhnliches Ambiente, die dazu gereichten Wurstbrote (seit ich denken kann hat meine Mutter zu Weinproben Wurstbrote gemacht – frisches Roggenbrot und lecker-deftige Hausmacher Wurst, in dicken Scheiben geschnitten und mit Gurkenscheiben belegt) haben noch weniger in die Welt der Unternehmensberater gepasst – und doch funktionierte das Ganze zusammen mit dem Wein. Man könnte fast sagen, das Bodenständige tat der Beraterwelt sogar außerordentlich gut. 

Nach dem offiziellen Teil folgte  – wie sollte es anders sein – eine Weinprobe. Diese wurde moderiert von meinem Papa, der Weinproben immer nach einem ähnlichen Prinzip gestaltete: Zu Beginn gibt es die trockenen Klassiker, dazu etwas (trockenes) Weinwissen anschaulich erklärt. Wie wird ein Wein „trocken“, was ist Restsüße, was passiert im Keller etc.  – die Manager nickten andächtig und wissend, schließlich benötigt man in der Szene eine gewisse Grundkenntnis um Abends beim Dinner mitreden zu können. Und da man sich spätestens nach 5 Jahren Partnerstatus sowieso ein eigenes Weingut in der Toskana zulegt, ist man sowieso schon vorgebildet. Die jungen Anwärter auf den Beraterjob fragten sich sehr wahrscheinlich, wie lange die Weinprobe noch dauert – schließlich wollten sie noch wichtige Fragen an die Manager loswerden und mit im Studium und auf Praktika angeeignetem Fachwissen glänzen. Währenddessen aber ging mein Vater über zu den feinherben und restsüßen Weinen, die Runde probierte Schluck um Schluck, ein Bissen ins Leberwurstbrot, schmeckt, aaah, eine Scheurebe, Spätlese, lieblich, was war das nochmal? Egal, schmeckt auch irgendwie, ach, lustig ist das hier!

Spätestens an diesem Punkt packte mein Vater dann seine Weinwitze aus, und die Runde hörte ihm zu, wie er vom alten Winzer Schorsch (manchmal hieß er auch anders) erzählte, der im Sterbebett lag und mit jedem Familienmitglied noch eine Flasche Wein öffnen wollte „bevor er geht“. Die Pointe des Witzes ist der Satz der Ehefrau, die (natürlich im tiefsten rheinhessischen Dialekt) zu ihrem kranken Schorsch sagt: „Schorsch, ei den Eiswoi trinke mehr jetzt noch, aber oan soa ich der: Dann werd´ gestorb´!“. Die Runde lacht (im nüchternen Zustand hätte man allenfalls ein leichtes Zucken der Mundwinkel dafür übrig..), meine Mutter bringt meinem Vater wortlos und mit einem schief-gequälten Lächeln den Riesling Eiswein – die letzte Probe des Abends – und ganz unbemerkt wurde das Ziel des Abends erreicht: Die Wahrheit kommt ans Licht. 

In vino veritas – in Wein liegt Wahrheit, sagten die Dichter der griechischen Antike. Als Altsprachlerin habe ich gelernt, dass die Römer früher während Ratssitzungen Wein reichten, weil sie sich sicher waren, dass so niemand effektiv lügen könne. Und auch in China sagt man „Nach dem Wein folgt die wahre Rede“. Die Unternehmensberatung hat sich das Ganze zu Nutze gemacht, indem sie ihren Bewerbern in Weinlaune noch etwas mehr auf den Zahn fühlte. Und ich glaube jeder von uns hat diese Erfahrung schon einmal gemacht – Wein kann verführen, macht redselig und immer einen Tick ehrlicher als sonst. Der Redefluss wird schneller und bevor wir unseren Satz wirklich zu Ende gedacht haben, ist er auch schon zu hören. Das kann auch mal peinlich werden, und gerade wenn es da eine Runde gibt, in der sich die Menschen untereinander nicht gut kennen, ist es zeitweise sehr amüsant dem munteren Hin- und Her zuzuhören. Ich kann mir gut vorstellen, welche Sorgen die Berateranwärter im Vorfeld zur Veranstaltung „Wein und Wahrheit“ hatten. Wie viel kann ich trinken, um mich noch im Griff zu haben? Kann ich den Wein irgendwie unauffällig loswerden oder verschwinden lassen, wenn ich merke, dass es zu viel wird? Darf ich eine Probe ablehnen, oder ist das provokant?

Glücklicherweise stellt sich nach oder während einer Weinprobe schnell heraus, dass all die Sorgen unnötig sind – denn im besten Fall hat jeder am Tisch das gleiche „Problem“. Und spätestens beim Winzer-Schorsch Witz sind alle auf einem ähnlichen Niveau angekommen. Noch ein Schlückchen Eiswein? Doch mal das Blutwurstschnittchen kosten? Hmm, schmeckt gar nicht so schlecht. Irgendwie total gemütlich hier. Gehen wir noch eine Runde durch die Weinberge? Wenn ich erst Karriere in der Beraterbranche gemacht habe, kaufe ich mir ein Weingut. In der Toskana. Oder in… wie heißt das Dorf hier nochmal?

 

Hallo Welt!

Willkommen auf meinem Blog „Weinliebe“.

Ich bin Julie Götze, 32 Jahre, weinverliebt und weinbegeistert. Aufgewachsen im idyllischen Rheinhessen, auf dem kleinen Weingut meiner Eltern und Großeltern.

Manche behaupten, der Wein war meine Muttermilch. Und tatsächlich habe ich meinen ersten Vollrausch schon im zarten Alter von 4 Jahren erlebt. An einem gemütlichen Sonntag Nachmittag, während meine Eltern „Weinkundschaft“ hatten, spielten mein großer Bruder und ich „Vater, Mutter, Kind“. Ich meine so richtig, mit allem drum und dran. Babypuppe, ein kleiner Tisch und Stühle, ein Puppengeschirr. Wir liebten es, heimlich „echte“ Dinge in unser Spiel mit einzubauen. Echte Geldmünzen, echten Kuchen. Und eben auch echte Getränke. Mein Bruder muss sich vertan haben und gab mir an Stelle von „echtem“ Traubensaft „echten“ Rebensaft. Irgendeinen lieblichen Wein, gleiche braune Flasche (in Rheinhessen sahen in den 80ern und frühen 90ern sowieso alle Flaschen irgendwie gleich aus). Mir scheint es auch geschmeckt zu haben – sehr wahrscheinlich habe ich mich über die Abwechslung sehr gefreut. Und munter aus dem Puppengeschirr getrunken, bis ich lachend und tanzend durchs Wohnzimmer gefallen bin, als meine Eltern von den Weinkunden in der „Probierstube“ kamen. Tja, wir hatten halt unsere eigene „Probierstube“ eröffnet. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob unsere Eltern geschimpft haben. Meine Mutter erzählt heute noch, dass alles geklebt haben muss. Der Boden, die Türgriffe. War sicher ’ne super Party, die „Mutter, Vater, Kind“ da veranstaltet haben. Eine echte Weinprobe eben. Der Mittagsschlaf gestaltete sich an diesem Tag dann etwas länger als üblich… 

Meine Liebe zum Wein war geboren!

Nun gut, vielleicht auf eine etwas ungewöhnliche Art und Weise und definitiv etwas zu früh. Doch wir Kinder waren regelmäßig mit unseren Eltern im Weinberg – und ich war stets mit großer Freude dabei. „Wingert“ heißen die Weinberge übrigens auf Rheinhessisch. Hochdeutsch konnte ich damals auch noch nicht. Aber das ist eben so, auf dem Land. Und Frankfurt war für uns Kinder unvorstellbar weit entfernt. Unser Leben fand auf dem Weingut statt, in den Feldern, den Kellern und Weingewölben. Wir bauten Weinberge und Weingüter aus Legosteinen und ernteten schon in sehr jungen Jahren unsere ersten Lego-Weine. Dass ich später einmal meine eigenen Weine machen würde, ahnte ich so früh noch nicht. Meine Eltern haben immer davon geträumt – aber dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

Weinliebe – die Liebe zum Wein.

Die Liebe zur Natur, in der die Weinreben wachsen. Dieser magische Zyklus, von Herbst zu Herbst, von Saison zu Saison. Ein seltsam kultiviertes Obst, aus dessen Saft man irgendwann ein edles Getränk gewonnen hat. Das Thema Wein ist so groß, so bunt, so vielfältig und geschichtsträchtig. Aber das Schönste am Wein ist: Er verbindet. Er weckt Emotionen. Er kann alles, von leicht zu kräftig, trocken zu restsüß, bodenständig zu abgehoben. Stilistisch mal geradlinig, mal markant und dominant. Ich freue mich darauf, mich hier diesem Thema ab nun fortlaufend zu widmen…

Julie.